Folter in Deutschland

Täglich werden rund 100.000 Menschen in Deutschland gefoltert. Von ihren Kollegen. So viele der 38,4 Millionen Erwerbstätigen feiern statistisch gesehen täglich ihren Geburtstag im Kreise der Kollegen. „Im Kreise“, denn die Kollegen stehen dummfeixend um die Jubilare herum. Wenn sie nicht gerade singen, was der Gipfel der Grausamkeit ist. Zuvor haben sie Praktikanten gezwungen, jeden um einen Beitrag für das Geschenk anzubetteln. Da werden dann Cent-Beträge in den verschämt hingehaltenen Umschlag geklingelt. Das ist beinahe noch schlimmer als der Rundgang mit diesen ekelhaften Karten, auf die jeder, der das Geburtstagskind gestern noch mobbte, schmalztropfende Worte der Herzenswärme schmiert. Und dann die Brainstormings „für ein nettes Geschenk“! Nach ewigem Gezacker wird für Sekretärinnen ein Douglas-Gutschein gekauft, für Kolleginnen in höheren Etagen irgendein Wellness-Mist und für Männer gern „was Witziges“. Immer. Und immer muss man Freude heucheln über das, was man vor aller Augen ach so begeistert auspackt. Dann hört man mit 30 die Sprüche, die man mit 20 schon gehört hat und mit 40 hören wird: „Das sind jetzt die besten Jahre!“, „Ab jetzt immer 29!“, „Jetzt bist Du endlich so alt, wie Du aussiehst!“, „Younger than ever!“. Irgendeiner stammelt verlegen einige staatstragende Allgemeinplätze, zustimmendes Grunzen rechts, gezwungenes Lachen links und Frau Bockmüller aus der Buchhaltung kneift das Mieder. Und dann muss man etwas sagen: „Danke. Das ist wirklich ganz, ganz toll. Sehr lieb von Euch! Danke!“ Ganz, ganz toll vor allem, dass man ab morgen wieder Folterknecht ist für einige der übrigen 99.999 Geburtstagsopfer.

Canta, canta pipituni, ca scupetta è preparata.

Erschienen im pressesprecher 2006.


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