Gelbwurstgesichter, die wissen wenigstens, was sie wollen und jeder weiß es. Gelbwurstgesichter, das sind die kleinen Geschöpfe, die Mutti vorn im Einkaufswagen eingekeilt hat, damit sie nicht die Auslagen befingern. Jede Fleischfachverkäuferin reicht denen unaufgefordert ´ne Scheibe Gelbwurst. Weshalb nur weiß dagegen Mutti nie, was sie will? Eine halbe Stunde steht sie in der Schlange, starrt mit wässrigem Mund auf die Vielfalt der Wurstwelt, hat einen Einkaufszettel dabei und kennt die Schweinebauchanzeigen des Supermarkts auswendig. Und trotzdem weiß sie, endlich an der Reihe, nicht, was sie will. Schlimmer noch: Sie fragt „Was ist denn das da für eine Salami?“ Da liegen ca. 114 verschiedene Sorten dicht an dicht. „Welche? Die?“, fragt die Dame hinter der Theke. „Nein, die da.“ Das Spiel beginnt. Behände wie ein Hütchenspieler lässt die Frau für´s Fleischliche die Gabel über Wurststapel tanzen. Irgendwann der Zufallstreffer: „Ja, die!“ Es folgt eine Erklärung, die es so nur an deutschen Wursttheken geben kann: „Das ist eine Fabriano. Die stammt aus dem Städtchen Fabriano. Das liegt zwischen Ancona und Perugia in etwa 300 Metern Höhe und ist gegen Norden und Westen durch ein hohes Gebirge gegen kalte Winde abgeschirmt.“ Zum Glück mag auch Mutti keine kalten Winde und nimmt die Fabriano. Denn solche Zauderer können dieses Spiel mit dem Fachpersonal unendlich lange treiben. Das tun sie gern auch in der Schlange in der Kantine. Dort können sie sich einfach nicht zum Stammessen durchringen, sondern wollen doch lieber das panierte Zanderfilet in Senf-Kapernsoße, aber ohne Panade, Kapern und Senf, bitteschön. Und in der Bäckerei lässt sie der unendliche Variantenreichtum der Brötchen stocken. Aber nirgends treiben sie es so schlimm wie an der Wursttheke. Vielleicht ist das ja ein Dankritual im Namen ihrer Gelbwurstgesichter.
Canta, canta pipituni, ca scupetta è preparata.