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Soziale Bindungen im Intranet

von Georg Kolb

Serie: Partizipation im Intranet, Teil 4

Foto: Wikimedia Commons user Noneotuho, CC BY -SA 3.0

Je stärker meine soziale Bindung zu einem Netz­werk ist, desto eher werde ich mich daran beteili­gen. Doch mit wie vielen Kontakten kann oder soll ich so stark verbun­den sein wie etwa mit meiner Familie, engen Freunden oder alten Kollegen? Der britische Evolutions­anthropologe Robin Dunbar hat auf diese Frage auf über­raschende Weise eine Antwort gefunden.

Die Dunbar-Zahl

Ausgehend von Studien mit Primaten, bei denen er eine Korre­lation zwischen der Größe des Gehirn­volumens und der Größe von deren sozialer Gruppen fest­gestellt hatte, kam Dunbar auf die Hypo­these, das Volumen des mensch­lichen Gehirns lasse auf eine Gruppen­größe von bis zu 150 schließen. Bei der Unter­suchung histori­scher Daten von sozialen Ver­bänden in Dörfern, Stämmen oder auch Armee-Ein­heiten fand er diese Zahl im Wesent­lichen bestätigt. Aber auch eine Studie zur Größe sozialer Netz­werke in zeit­genössischen west­lichen Gesell­schaften, die er 2002 auf der Basis des Aus­tauschs von Weihnachts­karten durch­führte, ergab im Schnitt ein Maxi­mum von 153,5 Kontakten.

Der organi­satorische »Tipping Point«

Wenn 150 tat­sächlich die Ober­grenze starker sozialer Bindungen ist, die Menschen unter­halten können, dann wird auch verständ­lich, warum größere Organi­sationen zusätz­liche Struk­turen wie Hierar­chien brauchen, um ihre internen Beziehun­gen zu regeln. Malcolm Gladwell hat Dunbars Beobach­tungen in diesem Sinne in seinem Buch »Tipping Point« aufgegriffen. So hat Gladwell darauf hingewiesen, dass Unter­nehmen einen starken Produktivitäts­verlust erlitten, wenn ihre Mitarbeiter­zahl 150 überstieg. Unter­nehmen wie Gore – Hersteller der Gore-Tex-Produkte – hätten daher ihre Teams in überschau­baren Ein­heiten aufge­stellt, um starke Arbeits­beziehungen zu ermög­lichen.

Mit der Verbrei­tung sozialer Medien kam die Frage auf, ob mit deren Hilfe die Zahl enger sozialer Kontakte nicht bedeutend erhöht werden könnte. Dazu haben IT-Netzwerk­forscher die Aktivitäten von 1,7 Mio.-Twitter-Nutzern über einen Zeit­raum von sechs Monaten ausge­wertet, mit dem Ergeb­nis, dass Dunbars Zahl bestätigt wurde. Die Nutzer konnten auf Twitter nicht mehr als 100 bis 200 stabile Beziehun­gen aufrecht­erhalten. Kann dem­nach aus Dunbars Beobach­tungen der Schluss gezogen werden, dass mehr als 150 Netzwerk­kontakte sinnlos sind?

Der Wert schwacher Bindungen

Wie in vielen Fällen der Internen Kommuni­kation hängt die Antwort davon ab, was man erreichen will. Wenn es z.B. darum geht die Projekt­kommuni­kation für ein Team zu organi­sieren, dann ist die Dunbar-Grenze eine brauch­bare Orientie­rung, auch wenn es – ähnlich wie bei der Nielsen-Regel – mehr um die Größen­ordnung geht, als um eine exakte Zahl. Aller­dings hat bereits 1973 der Soziologe Mark Granovetter darauf aufmerk­sam gemacht, dass für ein soziales Netz­werk nicht nur die starken Bindungen wert­voll sind. Wenn es um die Anreiche­rung des Netz­werks geht, tragen schwache Bindungen mehr bei, denn starke Bindungen ver­fügen zumeist nur über ähn­liche Kontakte und Informa­tionen wie man selbst. Das weitere Netz schwacher Bindungen kann dagegen den Zugang zu neuen Netz­werken und Informa­tionen eröffnen.

Die Weis­heit der Vielen

Schwache Bindungen erschließen durch die Öffnung nach außen eine Meinungs­vielfalt, die die tägliche Arbeit eines kleineren Teams zumeist nur behindern würde. Für die Qualität von Entschei­dungen kann eine solche Viel­falt aber von wesent­licher Bedeu­tung sein. James Surowieczki hat diesen Zusammen­hang in seinem Buch »Wisdom of Crowds« unter­sucht. Anhand zahl­reicher Beispiele zeigt Surowieczki darin auf, dass die Einschät­zungen großer Gruppen besser sind, als die einzelner Teil­nehmer, selbst wenn es sich dabei um Experten in der betref­fenden Frage handeln sollte. Das funktio­niert aller­dings nur, wenn es ein großes Feld unab­hängiger Meinungen zum Thema gibt, die nicht durch die Gruppe vorge­prägt wurden. Außer­dem muss ein Mechanis­mus vorhanden sein, durch den die Einzel­meinungen zu einer Gruppen­meinung gebündelt werden können. Beide Voraus­setzungen lassen sich deut­lich leichter erfüllen, seit es soziale Medien gibt, denn sie fördern die Ausbil­dung großer Netz­werke mit schwachen sozialen Bindungen und enthalten Funktionen zur Aggre­gation von Einzel­meinungen. Für die Interne Kommuni­kation eröffnet sich damit ein neues Gebiet der Gewinnung kollektiver Intelli­genz, das zuvor vor allem durch lang­wierige Mitarbeiter­zufriedenheits­umfragen geprägt war. Mit Beteiligungs­formaten im Intranet lässt sich die Weis­heit der Vielen öfter und viel­fältiger einsetzen, z.B. für Innovations­plattformen, kollektive Geschäfts­prognosen oder für die gemein­same Entwick­lung von Werten.

Wie sehen diese neuen Beteiligungs­formate aus, und wie lassen sie sich vor dem Hinter­grund der angesprochenen Motive, Stufen und Bindungen einsetzen? Darum wird es im nächsten Post gehen.

 

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