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Interview: Stephan Grabmeier über interne Telekom-BarCamps

von Frank Hamm

Interne BarCamps: Was bringt es dem Unternehmen?

In zwei Artikeln haben wir erklärt, was ein BarCamp ist und welchen Nutzen Unternehmen von BarCamps haben. Heute geht es ganz konkret um die Erfahrungen der Deutschen Telekom mit internen BarCamps. Mein Interviewpartner ist Stephan Grabmeier, Inno­vation Evangelist bei der Telekom. Er war mehrere Jahre verant­wortlich für das Center of Excellence Enterprise 2.0 der Telekom. Stephan gilt als ein Vordenker zur Zukunft der Arbeit und wurde mit zahl­reichen Awards für seine innovativen Projekte ausge­zeichnet.

Frage: BarCamps sind für Unter­nehmen oft noch unge­wohnte Formate. Was hat die Deutsche Telekom dazu bewogen, inter­ne BarCamps zu veranstalten?

Antwort: Wir wollten ein Event­format ausprobieren, das die Eigen­schaften von Social Media in einer Face-to-Face-Veran­staltung wider­spiegelt. Für uns waren Elemente wichtig wie User-generated Content (nutzer­gene­rierte Inhalte), hierarchie­freier Dialog, Gesetz der zwei Füße und Ergebnis­offen­heit. Sehr schnell haben wir gemerkt, dass wir damit den Zahn der Zeit für eine neue Dialog­kultur getroffen haben.

Wann war das erste interne Telekom-BarCamp, und wie viele interne BarCamps hast Du in der Telekom inzwischen durchgeführt?

Wir haben vor rund vier Jahren unser erstes BarCamp durch­geführt. Damals mit etwa 30 Personen. Ich erinnere mich noch an den CEO der T-Systems, Reinhard Clemens, der sich mit selbst mit­gebrachten Getränken zur Bar­Camp Community gesellte und großen Spaß an dieser neuen Form des Dialogs hatte. Mittler­weile gestalten wir ein bis zwei BarCamps pro Jahr mit jeweils etwa 350 bis 400 Teil­nehmern.

Gibt es erkenn­bare Themen­trends bei den BarCamps?

#tbar08 Abschlussdiskussion: Cem Ergün-Müller erzählt vom Tel... on TwitpicDie Themen kamen zu Beginn über­wiegend aus der Enterprise 2.0, Social Media und Innovation Community. Mittler­weile gibt es fast kein Thema, was nicht schon vor­gestellt wurde. Wir ver­leihen unseren Bar­Camps aber kein Motto, sondern sind offen für jedes Thema. Sobald wir den Termin für ein Bar­Camp ankün­digen, eröffnen wir das Session Grid mit etwa 25 bis 30 Slots. Hier gilt das Prinzip »First-Come First-Served«, unab­hängig von Thema und Hierarchie­stufe. Die Inte­ressenten regis­trieren sich und reser­vieren sich ihren Bar­Camp Slot.

Wir haben das Prinzip des Co-Hosting: Wir aus dem Center of Excellence Enterprise 2.0 führen das BarCamp mit jeweils einem Fach­bereich als Co-Host durch. In den letzten Jahren waren das beispiels­weise die T-Systems, die Telekom Laba­tories, die Bereiche Product & Innovation oder Marketing. Durch den Co-Host ergeben sich automatisch thema­tische Schwer­punkte. Wir sichern uns dadurch aber auch den Bezug von Colla­boration und Business.

Im Vergleich zur Größe der Telekom kann ja nur ein kleiner Teil der Mit­arbeiter an BarCamps teil­nehmen. Wie begleitest Du die Veranstaltung kommuni­kativ für die anderen Interessierten?

Klar, ich würde mir wünschen, in der Telekom würden pro Jahr nicht nur ein bis zwei, sondern 100 oder 200 Bar­Camps laufen. Wir sehen jedoch, dass der Auf­wand, obwohl wir alles sehr schlank und effi­zient halten, sehr groß ist. Einer­seits wird der Auf­wand für weitere BarCamps gescheut, anderer­seits haben wir noch nicht überall in der Telekom die Kultur der offenen Dialog­formate.

Wir begleiten die BarCamps vor, während und nach der Veran­staltung mit unseren inter­nen Medien, allen voran mit dem Telekom Social Network. Die Ein­ladung zum Termin oder das Session Grid finden die Teil­nehmer ausschließlich  in unserem Social Network. Es soll ja bereits von Beginn ein kolla­borativer Prozess entstehen. Während der Ver­anstaltung wird live intern gebloggt. Und natürlich kann man unsere BarCamps auch von außen via Twitter live verfolgen. Ich erinnere mich an unser viertes BarCamp, mit den Tweets zur Veran­staltung waren wir an diesem Tag Trending Topic in Twitter Deutschland.

Teil­weise produ­zieren wir auch Videos, dies hängt jedoch von der Budget­größe ab. Filme, Fotos und Kommen­tare kann jeder Mit­arbeiter ins Telekom Social Network ein­stellen.

Im vergan­genen September nahm mit Ibrahim Evsan ein Externer an der Diskussion zum Thema Gami­fication teil. Welche Rolle spielen Externe bei der inter­nen Veranstaltung?

Wir hatten immer wieder selektiv externe Experten eingeladen. Im September letzten Jahres waren unter anderem Ibrahim Evsan, Frank Roebers (CEO Synaxon AG), Daniel Schwerd (MdL Piraten­partei) und Vincent Menken (CEO managerfragen.org) als Gäste dabei. Für uns sind Impulse von außen sehr wichtig: zur Förderung der eigenen Diskus­sionen und zur Be­wertung von Ideen . Da wir aber teil­weise Firmen­interna bearbeiten, werden wir kein völlig offenes Format daraus machen. In der Form funktioniert das bisher wunderbar.

Direktlink YouTube: Gamification Diskussion auf dem 8. Telekom BarCamp

Welchen beson­deren Nutzen bringen der Telekom diese BarCamps im Vergleich zu klassischen Veran­staltungen?

Wir haben kein anderes Event­format, das so von den Usern lebt, wie das BarCamp. Von allen Events, die in der Telekom pro Jahr durch­geführt werden – und das sind einige Tau­sende – steht das BarCamp im Ranking klar an Nummer 1 was die Wert­schätzung, die Betei­ligung, das Engagement und den Nutzen für jeden Einzelnen betrifft.

Im Beson­deren wird der offene, trans­parente und ehr­liche Dialog geschätzt. Es ist kein Beschallungs­event mit 3-Sterne-Catering im Lean Back-Modus. Im Gegen­teil: Unsere BarCamps sind eher Low Budget-Veran­staltungen. Der Mitar­beiter steht im Mittel­punkt, nicht abgeho­benen Führungs­kräfte, denen manchmal die Nähe zur Basis und der Mut zum Dialog fehlt.

Gab es Ergeb­nisse aus den BarCamps, die in die tägliche Arbeit eingeflossen sind?

Ganz klar, die gibt es – stark abhängig vom Ziel des Session Owners natürlich. Im Grunde gilt: Wer den Charakter eines BarCamps beherzigt und Dialoge anstatt Mono­loge führt, nimmt auch viel Input mit. Unsere BarCamps stehen unter dem Prinzip »Give a little, gain a lot«. Dadurch hat jeder Beteiligte einen hohen Mehr­wert.

Wie zufrieden bist Du mit den Resul­taten? Und: Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Ich bin außer­ordentlich zufrieden. Wenn ich drei Wünsche frei hätte, dann würde ich

  1. mehr Budget für BarCamps allo­kieren,
  2. die Methode als Change- und Trans­formations­methode trai­nieren und
  3. in jedes Top Manage­ment­meeting einen BarCamp-Anteil inte­grieren.

An diesen drei Punkten sind wir bisher nur teil­weise weiter gekommen. Wir werden aber nicht auf­geben, unser Unter­nehmen durch Enterprise 2.0 täglich ein bisschen besser zu machen. Die BarCamps sind ein wichtiger Bau­stein darin.

Unter welchen Voraus­setzungen würdest Du interne BarCamps auch anderen Unter­nehmen empfehlen?

Ich kann jedem Unter­nehmen – egal welche Branche, egal welche Größe, egal in welchem Land – nur empfehlen, sich mit diesem Format aus­einander zu setzen. Es gibt hunderte von BarCamps, die man besuchen kann, um einmal zu erleben, wie so etwas abläuft. Enterprise 2.0 bedeutet Mut zur Unsicher­heit – probieren Sie es einfach aus. Aber Vorsicht: die Teil­nahme an BarCamps ist ansteckend! :-). Viel Spaß und Erfolg damit!

Vielen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten!

Links zu Begriffen aus dem Interview:

 

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Kommentar von
Michael Ludwig Höfer

Sehr interessantes Interview. Mir als als SharePoint-Consultant sticht vor allem der zweite der drei Wünsche ins Auge: interne Barcamps als Change- und Transformationsmethode zu trainieren.

Ich würde gern bei den Kunden interne Barcamps als Teil der Einführungsstrategie eines neuen Intranets verkaufen. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass ein Barcamp ein toller Einführungs- und Kennenlern-Event wäre. Motto: mein neues Intranet ist ein Anlass zum Feiern und was zum Anfassen.

Viele Grüße
Michael Ludwig Höfer


Kommentar von
Stephan Grabmeier

Lieber Herr Höfer,

das Thema eignet sich wirklich für diesen Anlass. Aus meiner Erfahrung nicht zu sehr einschränken. Wir haben ein Barcamp u.a. für die Einführungsstrategie des Telekom Social Network genutzt, dies aber unter den Schwerpunkt "Anders Arbeiten" gefasst um mehr Diversität als "nur" Plattform zu adressieren.

Stephan Grabmeier


Kommentar von
Daniel J. Hanke

Was ich am BarCamp-Konzept auch noch spannend finde: Experten und Führungskräfte sind immer wieder positiv überrascht, wie viel Wissen, Erfahrung, Lösungskompetenz, Kreativität & Co. in der GESAMTEN Organisation steckt. Quer durch Abteilungen, Reporting Lines, Arbeitsgruppen, Business Units, Standorte. Und: BarCamps sind ein wichtiger Wegbereiter für das "Neue Arbeiten". Oft begreifen Menschen erst durch ein BarCamp, welche Qualität kollaboratives Arbeiten, flache Hierarchien, horizontale Integration etc. hervorbringen.

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