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»Ich hatte eine Farm in Afrika« – Gänsehaut durch Storytelling

von Frank Hamm

Was wir von Karen Blixen über das Storytelling lernen können.

Als ich Caroline Kliemts Aufruf zur Blogparade »Are we all storytellers? Storytelling in neuen Kontexten« las, dachte ich an eine syste­matische Aufbereitung des Themas mit Darstellung der Fakten, Beleuchtung mir wichtiger Aspekte und abschlie­ßender Bewertung. Dann wurde ich unsicher, hatte Caroline doch bereits Experten dazu befragt. Nahezu täglich kamen neue Beiträge zur Blog­parade hinzu, die zu lesen ich mir verkniff. Schließlich wollte ich einen unab­hängigen Beitrag leisten und mich nicht an andere Geschichten anhängen.

Die Tage vergingen, und meine Unsicher­heit nahm zu. Was wusste ich schon von Story­telling, was konnte ich beitragen? Sicher, ich schreibe seit ein paar Jahren meine Geschichte in einem persön­lichen Blog. Aber dort geht es nicht um fach­liche oder gar wissen­schaftliche Beiträge zum Story­telling. Und meine Epi­soden haben längsten­falls ein paar Tausend Zeichen.

Ich dachte an meine ersten Erfah­rungen mit Geschichten. Der Struwwelpeter, die kleine Hexe, die Erzäh­lungen von Karl May und die Mond­landung von Perry Rhodan und all die anderen Geschichten mussten doch für etwas gut gewesen sein. Welche Geschichte hatte mich in den letzten Jahren besonders beein­druckt? Was würde sie mir für diese Blog­parade erzählen können?

Dann dachte ich an »Jenseits von Afrika«. Eher gelangweilt hatte ich vor einigen Jahren den einfüh­renden Worten der Prota­gonistin Karen Blixen, gespielt von Meryl Streep, über einen Denys und Afrika gelauscht. Dann aber war dieser Satz gekommen: »Wissen Sie, ich hatte eine Farm in Afrika.« Danach hatte ich unbedingt wissen wollen, was es mit Denys und dieser Farm in Afrika auf sich hatte. Und am Ende hatte ich nur noch gedacht: »Wow, so also geht Gänsehaut!«

Ein Lehrstück über das Geschichten erzählen

Jetzt erkenne ich, dass »Jenseits von Afrika« nicht nur eine Geschichte ist, sondern ein Lehr­stück über das Geschichten erzählen. Denn in dieser Geschichte stecken einige Erkennt­nisse:

  • Jede Geschichte braucht ihre Vision.
    Die Vision von Karen Blixen ist eine gemein­same Farm in Afrika mit Baron Bror von Blixen-Finecke.
  • Visionen sind nicht in Stein gemeißelt.
    Blixen muss zwar erkennen, dass ihre Vision den Reali­täten nicht standhält. Doch sie entwickelt eine neue Vision: Eine gemein­same Zukunft mit Denys Finch Hatton. Zwar endet auch diese Vision, doch die Geschichte bleibt ihr.
  • Geschichten fesseln, wenn wir ihr Ende nicht kennen.
    Wir sollten keine Angst davor haben. Denn jede Geschichte ist nur eine Epi­sode. Wir können eine neue Geschichte erzählen. Der Film entstand auf der Basis von Blixens Roman, der aus einer Reihe von Epi­soden besteht. Auch der Film besteht aus einer Reihe von Episoden.
  • Wir sollten darauf achten, wo wir unsere Geschichte erzählen wollen.
    Bei ihrer Ankunft in Afrika geht Blixen in den Muthaiga Club, um sich nach ihrem Bräutigam Baron Blixen-Finecke zu erkun­digen. Bevor sie jedoch ihre Geschichte erzählen kann, wird sie hinaus­geworfen (»Memsahib, Frauen dürfen hier nicht herein!«).
  • Der Anfang mancher Geschichten wird von anderen erzählt.
    In einer Szene erhält sie Besuch von Denys und seinem Freund Berkeley. Am Abend beginnen sie zum Zeit­vertreib ein Geschichten­erzählen. Denys beginnt eine Geschichte mit dem Satz »Es war einmal ein heimat­loser Chinese namens Heng Huan, der im Leimhaus wohnte, und ein Mädchen namens Shirley«. Blixen muss die Geschichte auf­greifen und unterhält die beiden offen­sichtlich damit.
  • Dieselbe Geschichte kann unterschiedlich erzählt werden.
    Die Geschichte von Blixen erschien zunächst 1937 als Buch und dann 1985 als Film. Es sind teil­weise verschie­dene Epi­soden, die zwar nicht dieselbe aber die gleiche Geschichte erzählen.
  • Jedes Medium hat sein Publikum, und jedes Medium hat seinen Stil.
    Ich bekenne: Ich kenne das Buch nicht. Doch ich bin sicher, dass es sich anders anfühlt als der Film, weil es geschrieben ist für andere Leute als solche, die es dafür 1985 in die Kinos zog.

Modernes Storytelling

»Jenseits von Afrika« ist nicht nur ein Lehr­stück, wie man eine Geschichte in einem Buch oder einem Film erzählen sollte. Aus ihm ergeben sich Punkte, die sich generell für Unter­nehmen und andere Organi­sationen anwenden lassen.

  • Es muss eine Vision geben für das erzählende Unter­nehmen, denn erst die Vision gibt der Geschichte einen Sinn und ein Ziel.
  • Wir müssen bereit sein, die Vision zu ändern, wenn sich die Umgebung ändert.
  • Die Geschichten müssen sich an der Vision orien­tieren und einen Teil dieser Vision erzählen.
  • Wenn sich die Vision ändert, dann müssen sich die Geschichten ändern.
  • Die Geschichten sollten durchaus Ver­trautes enthalten, und doch sollten sie über­raschen. Wenn wir an unserer Corporate Story ohne Abweichung fest­halten und sie immer und immer wieder gleich erzählen, dann wird sie dadurch nicht spannender.
  • Wir sollten nicht jede Geschichte sofort komplett erzählen, sondern uns damit Zeit lassen. Auch wenn die Corporate Message erst in der dritten Epi­sode kommt, ist sie doch Teil der Story.
  • Die Geschichten müssen zu den Menschen passen, die sie sich anhören.
  • Wir müssen darauf vorbe­reitet sein, dass andere unsere Geschichte anders erzählen. Zumindest gelegent­lich sollten wir andere auch einladen, Teil der Geschichte zu werden. Das erfordert Mut und führt zu einem dyna­mischen Geschichten erzählen, wie es Coca-Cola gerade angeht.

Wir müssen den Faden einer Geschichte, den Inhalt, immer im jewei­ligen Kontext sehen, in dem die Geschichte erzählt wird. Der Kontext ist eine Matrix aus Zielen, Menschen, Medien und Themen.

  • Ziele: Die Ziele, die ich mit meinen Geschichten verfolge, können und sollten je nach Kontext variieren.
  • Menschen: Andere Menschen (»Ziel­gruppen«) erfordern es, die Geschichte anders zu erzählen. Einem Technik-Freak ist ein Corporate Wording ziemlich egal.
  • Medien: Je nach Medium (oder Ort) sind unter­schied­liche Inhalte (wie Texte, Fotos, Filme) besser geeignet oder überhaupt möglich. Unter­schied­liche Medien haben ihren eigenen Stil. Eine Presse­mitteilung ist schlichtweg unge­eignet für ein Soziales Netzwerk.
  • Themen: Bestimmte Themen lassen sich in eini­gen Kontex­ten gut erzählen, in anderen nicht.

Vor dem Story­telling allerdings kommt die Content Strategy:

Eine Content Strategy analysiert diese Kontext­matrix, plant die Geschichten, stellt die Geschichten mit deren Content wie Texte oder Fotos kontext­orientiert in verschiedenen Aus­prägungen zur Verfügung. Diese Geschichten werden dann – alleine oder gemeinsam – in der Matrix erzählt.

Doch das mit der Content Strategy ist eine andere Geschichte...

Auf ein Wort noch

Blixen verlässt nach dem Brand ihrer Farm und Denys’ Tod Afrika. Bei ihrer Abreise wird sie von den Mit­gliedern des Muthaiga Clubs, aus dem sie damals raus­geworfen worden war, respekt­voll zu einem Drink einge­laden. Wir können also mit einer Geschichte gegen Konven­tionen verstoßen und uns dennoch oder gerade des­wegen Respekt verdienen.

Leider verrät mir Blixens Geschichte nicht, wann und wie ich dazu gegen Konven­tionen verstoßen soll. :–(

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Kommentar von
Nicolas

Eine schöne Idee, das Storytelling zu "erzählen". Der Ansatz gefällt mir sehr gut. Was du herrvorragend herausarbeitest, ist das Thema, dass die Botschaft gar nicht im Anfang stehen musss. Sie kann sich zu einem späteren Zeitpunkt im Spannungsbogen wiederfinden. Danke!


Kommentar von
Frank Hamm

Danke für den Kommentar! Jetzt sind wir beide Teil einer Geschichte :-)
Sehen wir uns auf der re:publica, um ein paar Geschichten auszutauschen?


Kommentar von
Caroline Kliemt

Lieber Frank,
erst jetzt bin ich dazu gekommen, Deinen Beitrag in Ruhe zu lesen. #hach
Mensch, da war ich noch Teenager, als ich da im Kino gesehen habe, und ich hab natürlich geflennt wie nur was ("ein Gebinde").
Blut, Schweiß und Tränen oder auch: Tränen, Gänsehaut und Freude - das sind Ziele, die ich mir für mein künftiges Storytelling setze.
Hoffentlich bis bald,
Caroline

Antwort von

Hallo Caroline,
ja, die Tränenmenge soll ja bei dem Film im Kino immer reichlich gewesen sein :-) Als ich für die Zitate die DVD einlegte hörte ich von meiner Frau auch ein deutliches #hach
Auf der re:publica hat es zwar für ein längeres Gespäch nicht geklappt aber ich hoffe und freue mich auf das nächste Mal.

Liebe Grüße,
Frank

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